Aller Tage Abend



Aller Tage Abend – ein Roman über Lebensmöglichkeiten und den Tod im 20. Jahrhundert


Dieser Roman von Jenny Erpenbeck umfasst ein ganzes schreckliches Jahrhundert. Geschichte wird hier im wahrsten Sinne des Wortes durchwandert, auch geografisch. 1902 in Brody an der habsburgisch-russischen Grenze geboren durchlebt die Protagonistin Stationen in Wien, Moskau und Ost-Berlin. Umstände, unter denen sich Leben verändern kann, Orte, durch die sich Leben verändern kann werden an einer Protagonistin, einer Familie, in einer Story durchdekliniert. Verschiedene Optionen eines Lebens werden erzählt. Würde ein „Intermezzo“, wie Erpenbeck es nennt, anderes verlaufen, ausgelassen werden, würde das Leben nicht enden, sondern die Figur die Möglichkeit haben, erneut dem Leben gegenüber zu treten. Tod ist demnach nur eine Möglichkeit. Erpenbeck erzählt die Geschichte der Protagonisten fünf Mal in je einem Buch zu Ende, die Hauptfigur stirbt nämlich jedesmal. Erpenbeck „erweckt“ sie 4 mal wieder zum Leben. Jedesmal wird darauf geschaut, was für ein anderer Mensch die Umstände, die Orte, das Schicksal, die Erfahrungen, die Zeit aus ihr gemacht hätten. Mit jedem Schritt, den man macht, mit jedem Gedanken, den man denkt,  jedem Weg, den man geht, jeder Begegnung, die man einmal gemacht hat, sind Wirkungen auf das eigene Leben verbunden. Alle diese verschiedenen Optionen prägen die möglichen Lebenswege der Figur. Eingeordnet werden muss die Story in die Zeit des osteuropäischen Judentums, den Nationalsozialismus, die Stalinzeit mit ihrer Willkür, Kommunismus und DDR-Zeit.

Zum ersten Mal stirbt die Protagonistin mit acht Monaten. Die Trauerkultur der Mutter schmerzt beim Lesen. Der jüdische Großvater wird bei einem Pogrom ermordet. Fassungslos bleibt der Leser zurück mit Eindrücken, die durch die Schreibe der Autorin tief berühren, fast schon verstören. (Das war der Moment, als ich das Buch weg legte und erst Wochen später noch einmal einen Anlauf nahm, die Geschichte zu Ende zu lesen.) Die Figuren sind eher Typen denn konkrete Personen, folglich wird sehr sparsam mit Namen umgegangen. In dieser Version des Lebens wandert der Vater still und heimlich nach Amerika aus. Die Mutter des toten Kindes bleibt alleine zurück.
Im zweiten Lebensentwurf ist die komplette Familie in Wien: der Vater nicht ausgewandert, das Kind nicht gestorben, sondern verliebt und 18 Jahre alt. Hier ist der 1. Weltkrieg bereits zu Ende, es gibt Ungewissheiten, Not und Selbstmordphantasien.
Die dritte Lebensversion lebt sie als Kommunistin verheiratet mit einem Deutschen in Moskau, ist 37 Jahre alt. Die Zeit der Schauprozesse ist gekommen.
Die vierte Version des Lebens zeigt eine über 60 Jahre alte, hoch geehrte Dame in Ost-Berlin. Es ist das Jahr 1962.
Das Leben der Protagonistin, die erst am Ende einen Namen erhält, hat die Wende erlebt und lebt in einem Pflegeheim in der DDR. Der langsame Weg ins Aus findet auf stilistischer Ebene seine Entsprechung in einem langsamen Erzähltempo. Hier stirbt sie – unwiderruflich!

Der Roman ist eng verwoben mit der Biografie der Autorin. Aus verschiedenen Perspektiven wird die Geschichte einer jüdischen Familie erzählt. Es gibt wenige inhaltliche Ungereimtheiten. Irgendwie fehlt eine Generation, wenn die Urgroßeltern 1902 72 Jahre verheiratet sind und das Enkelkind erst 18 Jahre jung ist. Anstrengend ist es, auf 283 Seiten all die Katastrophen mitzuerleben, die die Protagonistin überlebt. Hier liegt kein „schönes“, schon gar kein gemütliches Buch vor. Es ist fast Arbeit, sich diesen Roman zu Gemüte zu führen. Der Kunstgriff, das Leben immer wieder neu anzusetzen, ist jedoch wirklich lesenswert. Gekonnt führt sie die Intermezzi, die Leben verändern, ein. Sehr raffiniert, dass auf diese Weise die einzelnen Bücher voneinander abgegrenzt werden.

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