Plötzlich Rabenmutter





Plötzlich Rabenmutter erinnert vom Cover her mit der reduzierten schwarzen und roten Schrift auf weißem Grund sehr an Bübs Streitschrift Lob der Disziplin. Dann gibt es diesen langen, erklärenden Untertitel, der sich wunderbar in die Reihe der vergnüglichen Unterhaltungsliteratur im Sinne von 100 Jährigen, die aus dem Fenster steigen und verschwinden, einreiht. Sehr provokativ, fast schon radikal kommt der Titel daher. Eine plötzliche Rabenmutter also. Das müsste demnach jemand sein, der zuvor ganz und gar nicht Mutter oder eben keine Rabenmutter war. Lisa Frieda Cossham war Mutter, im Korridor des Normalen könnte man sogar sagen. Wie sie genau das Muttersein gelebt hat, wie sie Mutter zweier Töchter wurde, von welchem Mann und wie sie diesen kennengelernt hat, wird bis auf Seite 42 von 213 ausgebreitet. Dann kommt das, was sie immer und immer wieder verlassen nennt. Wobei verlassen eigentlich ein weg-sein impliziert. Beim Lesen des Titels ging ich davon aus, dass eine Frau ihre Familie alleine gelassen, also verlassen, hat und dann im Nachhinein überlegte, ob sie das dürfe. So ist es nicht. Die Ich-Erzählerin kreist gewaltig um sich selber, um ihre Ausbildung, ihre Freiberuflichkeit, ihre Träume und Wünsche, ihre Töchter, ihre Liebe, ihre Freiheit, ihr Bedürfnis, immer bei ihren Töchtern zu sein. Sie zieht aus, da sie eine neue Liebe, einen Schauspieler, 7 Jahre jünger als sie selber, gefunden hat. Aber sie ist für ihre Kinder da. Immer. Mit ihrem Mann Jan teilt sie sich fortan die Erziehung der Töchter gleichberechtigt (ein sehr häufig gebrauchtes Wort in diesem Buch) und hälftig. Die Mädchen sind eine Woche bei Mama in der WG und schlafen bei ihr in einem Etagenbett, das im WG Zimmer untergebracht ist. Die andere Woche sind die Mädchen beim Vater in der alten Wohnung, in der jedes Kind sein Zimmer hat. Elternabende besucht sie, Telefonkontakt wird auch gehalten. Nach ein paar Monaten geht der Vater, der schrecklich trauert und die Emanzipationsbestrebungen seiner Frau überhaupt nicht akzeptieren kann, eine neue Beziehung mit einer alleinerziehenden Frau ein. Fortan empfindet die Mutter die Beziehung zu den Mädchen wieder enger und leichter. Das ganz große Manko des Buches ist neben den falschen geweckten Vorstellungen, dass die Geschichte mal eine Kolumne war. Es finden sich sehr viele Redundanzen, die natürlich in einer wöchentlichen Kolumne ihren Platz haben, weil man natürlich nicht davon ausgehen kann, das jede Leserin die vorherige Episode gelesen hat. Bei einem Buch ist das anders. Als nicht hochvergesslich fand ich es ausgesprochen langatmig und langweilig, immer und immer wieder das Gleiche zu lesen. Sprachlich befindet sich das Ganze auf leider sehr flachem Gebiet. (Mit Bewerbungsmappen und der richtigen Gesprächstaktik. [S. 34] Fehlen hier nicht Satzglieder?) Es wird berichtet. Mit indirekter Rede erfährt die Leserin, was die Kinder gesagt haben und die Mitbewohnerin gedacht hat. Spannung geht anders. Manche Sätze kann ich nicht wirklich sinnentnehmend lesen, etwa: „Also versinke ich in Büchern, Notizen, den Tagen mit kurzen Pausen um zwölf und um drei, zum Abendbrot kehre ich heim.“ (S. 31).

Die Frage bleibt, für wen sich das Buch anbietet und zu welcher Lesegelegenheit es passt. Am ehesten geeignet ist es wohl für alle jene, die leichte Kolumnen mögen, die hin und wieder mal ein paar Zeilen lesen, zwischendurch mal kurze Unterhaltung brauchen. Frauen, die gerne mal ein Buch aufschlagen und ein Kapitel lesen, dabei am Leben anderer interessiert sind, haben damit vielleicht ihren Spaß.

Fazit:
Es bleibt so ein fahler Beigeschmack des Bemitleidens. Die arme Frau ist an ihren eigenen Vorstellungen gescheitert und nun denkt sie, die anderen (wer immer das genau sein mag) denken, sie habe versagt (wobei auch immer). Handwerklich ist noch Luft nach oben. Im Grunde ist ihr einfach echtes Leben passiert. Aber das ist natürlich nicht so spektakulär wie Plötzlich Rabenmutter? Wie ich meine Familie verließ und mich fragte, ob ich das darf.

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