Heute mal ein Klassiker



Der Inhalt ist grob damit zu umreißen, dass gesellschaftliche und technische Entwicklungen der modernen Stadt inhaltlich wie stilistisch literarisch aufgegriffen werden. Großstädtische Siedlungsgebiete konfrontierten Menschen um 1920 mit einer dichten Bebauung und der damit einhergehenden Konzentration von Gesellschaft auf relativ engem Raum. Eisenbahnen wurden zu raumgreifenden Faktoren. Moderne Großstadt machte aus, dass sie auch Standort von Museen und Akademien wurde – ein Raum, aus dem heraus und in dem Kultur entsteht. Die Gesellschaft wurde heterogener. Stichworte wie Kulturraumverdichtung und Technisierung müssen fallen, wenn von dieser städtebaulichen Transformation gesprochen wird. Vor diesem Hintergrund ist der Großstadtroman Berlin Alexanderplatz zu verstehen.


Alfred Döblin gestaltet einen hochkomplexen Wahrnehmungsroman und lässt zum Ausdruck kommen, wie moderne Stadterfahrung und Stadtwahrnehmung literaturästhetisch dargestellt werden kann. Die Großstadt wird lesbar gemacht, da Döblin unterschiedliche Perspektiven, Stilmittel und Ausdrucksformen in einer Vielzahl von Diskursen anbietet, die es dem Leser ermöglicht, durch das Konzept Schriftsprache ein ganz anderes Konzept, das der Stadt, zu verstehen, wenngleich nicht zweifelsfrei behauptet werden kann, dass alle Leser die Codes der Stadt und des Textes so entschlüsseln, wie es in Döblins Sinn gewesen wäre. Gezeigt wird die Großstadt Berlin, die dem Einzelnen eine gesteigerte Wahrnehmungsintensität aufdrängt, indem inkongruente Sprachstile und Sprachebenen divergierende Inhalte vermitteln. Es wird über habituelles Verhalten der Gesellschaft, nicht nur wesentlicher Bedeutungsträger, berichtet. Diese neue Erlebens- und Wahrnehmungsveränderung greift Döblin auf, in dem er Stilmittel wählt, die Kohärenz und Kontinuität des Textes zerstören, zum Beispiel Simultantechnik und Montagetechnik. Die Erzählperspektiven wechseln in rascher Folge zwischen Gedankenwiedergabe mittels innerem Monologe, Außenansichten aus der Perspektive des wohlwollenden Erzählers und nicht greifbarem Erzähler. Im letzten Abschnitt schaltet sich der Erzähler in das Geschehen ein und verrät Franz Biberkopf ein Geheimnis, er warnt ihn vor der Stadt Berlin.

Fazit:
Die meisten haben den Alexanderplatz noch irgendwo im Regal stehen – ungelesen womöglich. Ich muss sagen, es gibt Bücher, die geschmeidiger zu lesen sind, unkomplizierter vom Aufbau und stringenter in ihrer Erzählweise. Doch es lohnt sich wirklich, den alten Döblin noch mal auszukramen. Die Gedanken, die in der Umsetzung stecken, sind einfach genial. Und wenn man sich erst einmal an die Montagetechnik gewöhnt hat, macht es fast schon Spaß (und wer davon nicht genug bekommen kann, wage sich doch gleich an W.G. Sebald 😃).

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