Ein besonders lesenswertes Epos



Sag nicht, wir hätten gar nichts
Madeleine Thien
Übersetzt von Anette Grube
Erschienen am 04. September 2017 bei Luchterhand
656 Seiten, 24 Euro


Klappentext:
Ein preisgekrönter Roman über China von den 1940ern bis heute, über zwei eng verbundene Musikerfamilien und ihr Schicksal. Die herzzerreißenden Lebensgeschichten der Musiker, ihrer Freunde, Familien und Geliebten, die in den Strudel der Politik geraten, in das Auf und Ab von Revolution, Gewalt und Unterdrückung, führen zu der universellsten und zugleich privatesten aller Fragen: Wie kann der Mensch sich selbst treu bleiben, lieben und kreativ sein, wenn er sich verstellen und verstecken muss, weil er um sein Leben fürchtet? Erzählerin dieses vielschichtigen Epos ist Marie, die mit ihrer Mutter in Kanada lebt und nicht versteht, warum ihr Vater nach China zurückgekehrt ist. Als sie zehn Jahre alt war, haben sie einen Gast bei sich aufgenommen, die junge Ai-ming, die nach dem Massaker am Platz des Himmlischen Friedens aus Peking geflohen ist. Marie ahnte bald, dass sie eine gemeinsame Geschichte haben, und nun versucht sie, Licht ins Dunkel der Vergangenheit zu bringen.


Meinung:
Nun komme ich ins Schwärmen! Endlich wieder einmal ein richtiges Epos. Nach Donna Tartts Distelfink habe ich kein so geniales Werk mehr in Händen gehalten. Die kanadische Schriftstellerin mit chinesisch-malaysischen Wurzeln präsentiert eine Familiensaga, die die letzten 100 Jahre chinesischer Geschichte und Kultur ganz feinfühlig und doch sehr unmittelbar nahe bringt. Es erzählt ein Mädchen, die kleine Marie, die über verschiedene Namen verfügt. Ihr Vater hat sich das Leben genommen. Mit diesen Protagonisten beginnt eine Familiengeschichte, die sich über mehrere Orte und über eine Zeitspanne von etwa 100 Jahren ausbreitet.

Der Leser lernt „Große Mutter Messer“ und „Wen, den Träumer“ kennen, aber auch, dass es ein Verbrechen ist, am Konservatorium zu studieren. Bei den Demütigungen bleibt man entsetzt zurück. Ergriffen beobachtet man, wie angesichts der Brutalität Entscheidungen getroffen werden, ist Zeuge von Denunziantentum und Unterwerfung. Gleichzeitig geht es um kodierte Botschaften, mit deren Hilfe nach Verschollenen gesucht werden kann, um ein Buch, dass immer wieder aufs Neue abgeschrieben wird. Es geht um Vergangenheit und Zukunft, um die Geschichte Chinas, um das Leben der beiden Musikerfamilien.

Die Autorin weiß, wie Sprache funktioniert. Sie bettet die chinesischen Schriftzeichen ein in die Geschichte, die erzählt wird, erläutert gleichzeitig die unterschiedlichen Bedeutungen eines Zeichens und häufig auch den Wortstamm oder Varianten der Zeichen. Sie vermittelt Wissen über chinesische Schrift auf ganz unterschiedlichen Ebenen. Manchmal merkt man fast nicht, dass es sich nicht um eine persönliche Ansprache hält sondern Teil der erzählten Geschichte ist. Die grandiose Übersetzung lässt der Geschichte ihre Besonderheit.

Immer wieder werden Musikstücke erwähnt, die tatsächlich die Stimmung der Situation ergänzen oder aufgreifen. Schostakowitsch erscheint für mich nun in einem ganz anderen Licht.

Dieses Buch über Familie, über die Geschichte Chinas, über Politik, Musik und Umbrüche fesselt!
Die einfühlsame, bildgewaltige Sprache transportiert den Inhalt auf einer anderen Ebene.

Fazit:
Dieses Buch war wie eine Reise in ein unbekanntes Land. Es dauerte ein wenig, bis ich angekommen bin, da es so fremd, so ungewohnt war. Doch dann war es nur noch spannend, überall erwartete mich Überraschendes, mir bislang völlig unbekanntes. Und dann wollte ich gar nicht mehr die Heimreise antreten.  

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