Was zum aufregen und hoffen, dass das nicht die Wirklichkeit abbildet



Die Mutterglücklüge
Autorin: Sarah Fischer
Im Februar 2016 im Ludwig Verlag erschienen
16,99 Euro


Vor einiger Zeit hatte ich die regretting motherhood Debatte wahrgenommen – mit einiger Irritation wohlgemerkt. Der Ursprung sei eine Studie der israelischen Soziologin Orna Donath, in der sie mit 23 Frauen in Interviews eine qualvolle Ablehnung der Mutterrolle entfaltet. Nun könnte man denken, Israel ist klein und weit weg und Mutterschaft unter Raketenbeschuss und mit einem Mann, der im Militärdienst „gefangen“ ist, muss nicht erfüllend und schön sein. Oder man argumentiert mit einer anderen Mentalität. Oder mit einer Überforderung, da israelische Frauen im Durchschnitt drei Kinder gebären und die Infrastruktur nicht im Entferntesten Vergleichbar mit der Deutschen ist. Oder einfach mit der kleinen Größe der Untersuchungsgruppe. Leider weit gefehlt!
Bei YouTube und einigen Magazinen sahen sich plötzlich gestandene Frauen dazu berufen, in aller Öffentlichkeit und ohne Rücksicht auf die Gefühle der eigenen Kinder ihre Unzufriedenheit mit und ihre Ablehnung der Mutterrolle auszubreiten. Frauen um die 40 und mit ordentlichen Karrieren sprachen von „letzten Tabus“, die sich brechen wollten, in dem sie über das Unglück sprachen, Mutter zu sein. Plötzlich standen in der ZEIT und im STERN Artikel, die davon handelten, dass Kinder von ihren Müttern als nervig und laut betrachtet werden, alles so unfair sei und überhaupt die Väter so wenig täten, man es daher bereue, Mutter geworden zu sein, aber sein Kinder natürlich und selbstverständlich sehr liebe. Das Ganze schön mit Bild, weil das dem Kind– wenn es denn irgendwann diesen Artikel in die Hände bekommt – sicher nichts ausmacht.

Und immer wieder tauchte das Buch Die Mutterglücklüge auf.
Nun könnte man denken, Sarah Fischer ginge ganz anders an das Thema heran. Nicht einfach nur jammern und meckern, sondern wirklich mal schauen, was nicht optimal läuft. Was heißt es denn, Mutter zu sein? Welches Mütterbild prägt unsere Gesellschaft? Was brauchen Mütter, um zufrieden zu sein? Was unterscheidet die deutsche Gesellschaft von anderen in Bezug auf das Leben mit Kindern? Sie, die Ihr Geld auch mit Reiseberichten verdient, wäre prädestiniert, darüber zu erzählen. Ihr, die jahrelange Auslandserfahrung gesammelt hat, könnte man zutrauen, das Beste aus den unterschiedlichen Gesellschaften für sich zu generieren.
Leider kam es nicht so…

Klappentext:
Sarah Fischer liebt ihre zweijährige Tochter – doch sie bereut es, Mutter geworden zu sein. Denn noch immer ist das Leben als Mutter mit vielen beruflichen und persönlichen Einschränkungen verbunden. Väter haben es da leichter. Frauen aber werden in die Mutterrolle gezwängt und zu einer Art aufopfernder Dienstleisterin, deren eigene Bedürfnisse bedeutungslos sind. Und als wäre das noch nicht genug, sollen sie darüber auch noch glücklich sein, denn Mutter zu sein ist erfüllend – wer anders empfindet, gilt als selbstsüchtig oder als Rabenmutter.
Sarah Fischer ist eine der wenigen Frauen, die öffentlich zugeben, ihre Mutterschaft zu bereuen. Gnadenlos ehrlich und bisweilen schockierend erzählt sie, wie ihr eigenes, selbstbestimmtes Leben seit der Geburt ihrer Tochter mehr und mehr verloren ging und warum wir dringend ein neues Mutterbild brauchen, das sich an den Bedürfnissen und Kräften der Frauen orientiert.
Der Erfahrungsbericht zur Debatte um „regretting motherhood“.

Meinung zum Inhalt:
Zu Beginn des Buches schildert die Autorin wirklich lustig ihre Vorstellungen von Mutterschaft und Familienleben. Inhaltich lustig ist es vor allem für alle, die wissen, dass sich diese Erwartungen nicht erfüllen werden (Reisen in die Mongolei mit einem Säugling, etc.). Stilistisch ist ihr dieser Abschnitt einfach gelungen. Kurzweilig und mit vielen Pointen gelingt ihr der Einstieg ins Thema. Man hat Lust, sie weiter zu begleiten und zu hören, wie sie Mutterschaft dann wirklich erlebt. Sie erzählt von ihrem Vorhaben, bis zur Geburt ihrer Vortragstätigkeit weiter nachzugehen, mit allem was dazu gehört: Material schleppen, Kabel verlegen für die Bühnentechnik, lange Autofahrten. Man lernt eine taffe Frau kennen, die weiß, was sie will. Aber Sie erzählt dann auch recht bald von Ihrer Empörung, dass Sie in der Schwangerschaft kein Bier trinken darf und ein guter Bekannter sie nicht zur traditionellen Schlauchbootfahrt in tosendem Gewässer einlädt, weil er davon ausgeht, dass es für eine Schwangere wohl zu gefährlich ist.
Bald erfährt die Leserin ziemlich viel, was Frau Fischer als einfach seltsame, ja selbstsüchtige, egoistische und höchst merkwürdige Person entlarvt. Schon ist es rum mit der heiteren Geschichte. Auch stilistisch wird es wirr. Sie erzählt ausufernd von Zwängen der Gesellschaft, die bei genauerem Hinschauen eigentlich keine sind, z.B. will ihr Partner sie jetzt auch noch heiraten (Empörend!?) Die Frechheit der Verwandtschaft, die glatt ein Fest erwartet, folgt auf dem Fuße. Fragt sich nur, ob es hier wirklich um gesellschaftliche Zwänge oder innige Wünsche des Partners geht. 

Die Gesellschaft würde von Ihr erwarten, ein Kind zu bekommen. Die gleiche Gesellschaft täte auch nicht genug für sie, um sie in ihrer Mutterrolle zu unterstützen. Da frage ich mich schon, wie es sein kann, dass es ihr völlig entgangen ist, dass sie Elterngeld beantragen kann, ein gesetzlich verankertes Recht auf Betreuung ab dem 2. Lebensjahr des Kindes hat, zwischenzeitlich jedes Jugendamt Tagespflegepersonen auch an Kinder im ersten Lebensjahr vermittelt, einige betreuen das Kind sogar über Nacht. Es gibt Kindergeld, Lernmittelfreiheit, Elternzeit, Firmen werben mit familienfreundlichen Arbeitszeiten. Und dann ist da noch Alex, der sich rührend kümmert. Aber die Gesellschaft tut einfach nichts für sie, wobei jetzt nicht so ganz klar wird, was genau sie sich denn wünscht, was ihr gut täte (außer, kein Kind zu haben).

Mit ihrer Tochter spielen ist ihr nicht anregend genug, zu langweilig für sie, gibt ihr zu wenig. Ihr, Ihr, Ihr! Es wird nach dem ersten Drittel des Buches ganz deutlich: Es geht ihr um sich! Das ist das gesellschaftliche Phänomen. Sie hat nicht verstanden, dass sich nicht das ganze Leben um sie dreht – ohne dass das schlimm wäre. Das Kind ist nicht auf der Welt, um sie glücklich und zufrieden zu machen. Nein! Ein Kind kommt auf die Welt und braucht Erwachsene, die gelernt haben, sich zurückzunehmen. So funktioniert die Welt. Ab diesem Zeitpunkt wirkt die Autorin höchst unsympathisch. Im Buch fällt dies zusammen mit einer Phase an Redundanzen. So flott, geschliffen und temporeich die Eröffnung des Buches war, so zäh geht es weiter. Dauernd finden sich Wiederholungen, als würde sie damit die Kraft der Worte steigern wollen. (Vielleicht hat sie erkannt, dass es den [hoffentlich] wenigsten Leserinnen klar ist, wo jetzt genau das Problem liegen sollte).
Das Ganze gipfelt für mich in einem hoch absurden Verständnis von Partnerschaft. Ihrer Meinung nach beruht Partnerschaft darauf, dass jeder genau und exakt die Hälfte bezahlt, arbeitet und erledigt, nicht darauf, dass jeder das tut, was er am besten kann und darauf vertrauen kann, dass der jeweils andere eben andere Parts übernimmt und man zusammen am Ende alles erledigt hat. Es gibt einiges Lamento über ihren Mann, Alexander, der einfach im Haushalt mit anpackt und dann auch noch gut Geld verdient. Und dann will er die kleine Emma auch noch versorgen. Sie will (!) aber unbedingt genau das gleiche von allem tun und haben. Und außerdem wirkt Alex so glücklich mit Emma und mit ihr redet er nur noch über sie, ihr gemeinsames Baby. Na, das sind doch mal echte Probleme!

Sie sucht regelrecht Probleme, formuliert aber kaum Lösungen.
Fehlende Zeit für sich selbst, aufschieben der Selbstbestimmung, zurückstecken zugunsten eines anderen Menschen, die Partnerschaft neu organisieren inclusive dem Neuaushandeln von Rollenbildern, ein veränderter Körper, der noch dazu in der ersten Zeit unter Müdigkeit leidet – eine Gemengelage, auf die man sich mit etwas Empathie, Herzensgüte, Rücksicht und mit einer großen Portion Erwachsensein einlassen kann, ohne in der Öffentlichkeit rumzumaulen. Hätte sie darüber geschrieben, wäre das Buch ein echter Gewinn. Hätte sie Lösungen gesucht (und dann wahrscheinlich auch gefunden), wäre ihr Buch auch für Mütter, die es wirklich schwer haben, eine Empfehlung geworden. So ist es leider nur die Geschichte einer sehr Ich-bezogenen, unentspannten Frau.

Fazit:
Hoffentlich leben wir nicht wirklich in einer solch egoistischen Gesellschaft.

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