Die alles ist möglich Lüge


Die alles ist möglich Lüge

Susanne Garsoffky und Britta Sembach
Pantheon Verlag
17,99 Euro

Hier: von bpb, vergriffen

Die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) hat u. A. das Ziel, ein Bewusstsein für politische Themen zu schaffen und zu stärken, aktuelle gesellschaftliche Diskussionen zu begleiten und die Teilhabe an eben solchen Prozessen zu ermöglichen. Aus diesem Grund werden beispielsweise die Schriftenreihe und Monografien herausgegeben. Hier finden sich dann Werke, die wirklich den Diskurs führen, anregen und/oder bereichern. Gegen eine Schutzgebühr von 2-8 Euro und ggf. Porto sind Medien dann direkt bestellbar. Es gibt noch eine Reihe regelmäßiger Schriften, etwa das Jugendmagazin Fluter oder die „schwarzen Hefte“ (die so manches Schülerreferat gerettet haben…). Grundsätzlich kann man sich darauf verlassen, dass bei bpb wissenschaftlich ausgewogen informiert wird, daher findet sich ein breites Spektrum an Inhalten und Medien.

Spätestens seit Osterhammels „Verwandlung der Welt“ bin ich fast schon ein Fan von bpb. Gegen eine geringe Schutzgebühr kann ich das gute Stück nun mein Eigen nennen 😊 Und als wir bei unserem Berlinbesuch direkt bei bpb vorbeikamen, habe ich diese Schätzchen hier gefunden:

 
Ganz besonders gefreut habe ich mich über „Die alles ist möglich Lüge“. Das Buch hatte ich schon eine ganze Weile auf meiner Wunschliste, die Presse hat mehrfach sehr kontrovers darüber berichtet.
   

Klappentext:
Beruflicher Erfolg macht glücklich« und »Die Zukunft ist weiblich«. So tönt es uns derzeit allerorten entgegen. Wer das nicht glauben mag, weil er gegen den alltäglichen Wahnsinn kämpft, den der Versuch, Familie und Beruf unter einen Hut zu kriegen, mit sich bringt, dem wird gerne mit einem Killerargument begegnet: »Das ist doch alles nur eine Frage der Organisation«. Susanne Garsoffky und Britta Sembach entlarven diese Sätze als die Lügen, die sie sind, und fordern mehr Ehrlichkeit bei diesem Thema – denn wir können aus der Vereinbarkeitsmisere wieder herausfinden.

Wer Familie und Beruf gleichzeitig leben will, zahlt einen Preis – und dieser Preis ist hoch. Auch wenn man uns immer weismachen will, dass wir beides haben können – Kinder und Karriere – und dass alles möglich ist, so haben doch fast alle von uns am eigenen Leib erfahren, dass das einfach nicht stimmt. Da hilft es auch nichts, wenn man uns vermeintliche Vorbilder von Victoria Beckham bis Ursula von der Leyen vor die Nase hält, denn wir sind halt nicht so, sondern ganz normal. Es gibt keine Vereinbarkeit von Familie und Beruf, und das ist auch keine Frage der Organisation. Es gibt nur ein Nebeneinander. Strukturelle Probleme verlagern wir auf das Individuum und das kann auf Dauer nicht gutgehen. Susanne Garsoffky und Britta Sembach geht es nicht um individuelle Lebensentwürfe und weitere Selbstoptimierungsversuche, sondern um gesellschaftliche Solidarität. Sie zeigen, wie mögliche Lösungen für unsere Gesellschaft aussehen könnten.

Meinung:
Bemerkenswert ist, dass zwei Autorinnen mit diesem Background über ein solche heikles Thema in so einer leichten, fast schon trivial-unterhaltenden Sprache sprechen – und dabei wirklich präzise den Kern des Themas treffen. Dabei geht es keineswegs um deren individuelles Problem. Es geht vielmehr um den Wahnsinn in der Lebensmitte von erwerbstätigen Menschen mit Kindern.

Sehr packend führen die beiden in das Thema ein und bringen prägnante Beispiele: Wenn die Wirtschaft viele Arbeitskräfte braucht, ist es en vogue und gesellschaftlich sehr gewollt, dass Frauen arbeiten und Kinder fremdbetreut werden. Gibt es hingegen wenig Arbeitsplätze, finden sich im gesellschaftlichen Diskurs zahlreichen Studien, die belegen sollen, dass Kinder bei der Mutter am besten gedeihen. Es gibt dann finanzielle oder/und politisch-motivierte Anreize für ein Hausfrauen- oder Dazuverdienerdasein.
Im Kapitel „Anderswo ist alles besser“ erfährt der Leser/die Leser wirklich Informatives über Familienpolitik in Schweden und Frankreich. Der kleine Exkurs widmet sich vor diesem Hintergrund den Rahmenbedingungen, die auf die arbeitenden Elternteile wirken.

In diesem Buch wird nicht Position bezogen für oder gegen arbeitende Mütter, sondern geworben und gestritten für ein Verständnis für die Bedürfnisse von Familien, die da sind: Zeit und Nähe für einander. Ganz klar wird auch formuliert, dass ausgeweitete Betreuungszeiten lediglich bedeuten, dass beide Partner viel arbeiten können. Doch ist das wirklich Vereinbarkeit von Familie und Beruf? Spätestens bei Krankheitsphasen der Kinder ist die ganze mühsam erarbeitete Organisation hinfällig. Und selbst wenn alles gut geht, die Kinder von 7 bis 17 Uhr betreut und die Eltern in eben dieser Zeit berufstätig sind – wann bleibt Zeit zum gemeinsamen Hausaufgaben machen, einkaufen, spielen, Hausarbeit? Und wie qualitativ ist diese Zeit, wenn alle erschöpft und müde sind und die Eltern wie selbstverständlich auch nach Feierabend noch für Geschäftliches erreichbar sein müssen, um die Karriere voranzutreiben, den Job zu erhalten?

Die Autorinnen entwerfen Thesen, wie Phasen des Lebens entzerrt werden könnten. Selbstverständlich werden damit auch altgediente Karrieremodelle/Arbeitsmodelle in Frage gestellt. Das Buch stellt die Frage, welche Werte wir unserem Tun zugrunde legen. Auf der Aussage „wer gut organisiert ist, kann alles haben  – Kind und Karriere“ lassen es die Autorinnen nicht beruhen.

Fazit:
Ein kluges Buch für alle Menschen, die schon immer wussten, dass der Tag nicht mehr Stunden bekommt, nur weil man als Elternteil auch noch einer Erwerbstätigkeit nachgeht – und man braucht darum auch keineswegs ein schlechtes Gewissen zu haben!

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