Phänomenales Format, schöner Inhalt


Unter meinen Füßen
Die Reise zum Mittelpunkt der Erde
Prestel Verlag
Erschienen am 23.4.2018
20 Euro

 
Am 3. März 2018 hatte ich dieses Buch schon als Neuerscheinung vorgestellt. Ich war wirklich sehr gespannt darauf, besonders weil der Inhalt auch über das Format erfassbar gemacht werden sollte. Irgendwie ist mir total entgangen, dass uns hier ein gut 2,5 Meter langes Leporello erwartet. 2,5m! Das Buch ist deutlich größer als DIN A4 und schon alleine das Cover mit seinen Erhebungen, Strukturen und den glänzenden Elementen beeindruckt. Als dann auch noch das in schwerer Papierqualität gedruckte riesen-Leporello ausgeklappt wurde, waren alle fasziniert.
 
Das verspricht der Klappentext:
Komm mit auf eine Reise durch die Schichten der Erde zum Erdmittelpunkt und wieder zurück an die Oberfläche! Du wirst unterwegs die erstaunlichsten und interessantesten Dinge sehen! Dieses fast endlose Leporellobilderbuch lenkt den Blick auf das, worüber wir meist achtlos laufen: den Boden unter unseren Füßen. Was ist eigentlich unter der Oberfläche unserer Straßen, Wiesen und Felder? Wasserrohre, Kabelschächte, Abwasserröhren, Humusschichten mit vielen Insekten, Flussläufe ... Tiefer und tiefer geht es hinein in die Unterwelt durch Gesteine, Mineralien und Magma bis zum glutheißen Erdkern – und wieder zurück.

Meinung:
Der Schauplatz, den dieses Buch anbietet, ist tatsächlich das, was unter der Erde ist. Die eine Seite des Leporellos widmet sich eher der Stadt mit ihren Abwasserrohren, U-Bahntunnels und Gesteinsschichten bis hinunter zum Erdkern, die andere Seite macht verschiedene Tierhöhlen, Fossilien und Mineralien zum Gegenstand. Es gibt keine unentbehrliche Rahmenerzählung und keine vorgegebene Lese- und Betrachtungsrichtung. Die Leser können sich vom Erdkern hoch zum Asphalt der Straße durchschauen oder andersherum. Der einleitende kurze Text lässt einen Jungen fragen, was wohl unter der Straße ist, auf der er gerade steht. Dreht man das Leporello um, werden dem Jungen quasi vom Erdkern bis hinauf zum Maulwurfshügel die Elemente unter „seinen Füßen“ erklärt. Diese Rahmenerzählung ist im Grund abkömmlich und auch nicht mit sonderlich viel Liebe und Geschick umgesetzt. Ich würde sie nicht vorlesen wollen – und das Buch braucht diesen vermeintlichen Rahmen auch gar nicht. Vermutlich wird hier eher dem Bedürfnis der Erwachsenen Rechnung getragen: Jedes Buch braucht eine einleitende Geschichte und eine vorgegebene Leserichtung. Nein! Dem ist nicht so. Dieses Buch kann kreuz und quer geschaut werden, es funktioniert komplett ohne Regeln.

Die Räume, die die Bilder zeigen, werden in ihren Dimensionen und ihrem Verhältnis zu anderen Räumen sichtbar. Wie dick ist der Erdmantel und wie groß der Erdkern? Wo sind welche Sedimente zu finden? Die Bilder sind klar, plakativ und großflächig. Sprache wird sparsam als ergänzendes Element eingesetzt. Ganz klar dominierend ist der Bildtext. Es gibt keine Handlung im klassischen Sinne, es geht tatsächlich um das Entwerfen einer Idee über „Was ist unter unseren Füßen,“ was könnte unter dem Asphalt sein und darunter und darunter, wie weit ist es bis zum Erdkern? Es geht um genießen und erkunden eines Riesenbildes, das zugleich Sprechanlass ist und die Kinder ermuntert, weiter zu denken, nachzufragen, zu schauen, einzuordnen von Fundstücken (aus der letzten Grabe-Aktion im Garten).
Die jungen Leserinnen und Leser können das Erwartete mit dem Gesehenen abgleichen, es regt die Phantasie an, wenn von alten Münzen, Schwertern und Helmen die Rede ist, die potentiell unter der Erde liegen. Das visuelle Erzählen macht dieses Buch auch interessant für ältere Kinder, die ein gewisses Wissen über den Aufbau der Erdschichten mitbringen. Für diese Leser gibt es auf der Rückseite des Covers noch ein Schema über den Aufbau der Erde.
Die Leporelloform macht es möglich, dass das Buch als riesiges Bild ausgeklappt auf dem Boden liegend betrachtet werden kann, dass der Betrachter sich bewegt, um vom Asphalt zum Erdkern zu kommen. Hier zeigt sich noch einmal mehr die gewisse Statik des Themas, die ein genaues Schauen und Verweilen interessant macht.

Dieses Buch „lässt der Einbildungskraft freies Spiel“ (Lessing, Laokoon, Kap. 4)

Fazit:
Das gute Stück nimmt einen Doppelcharakter ein: es ist wirklich gute Literatur für kleine wie große Kinder und bedient das Bedürfnis von Erwachsenen, sinnvolle, lehrreiche, wertige und Wissen vermittelnde Bücher zu kaufen, die den Kindern gleichzeitig noch Spaß machen.

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