Mensch 4.0 – DIE Diskusionsgrundlage für Gespräche in der digitalisierten Welt


Mensch 4.0

Frei bleiben in einer digitalen Welt
Autorin: Alexandra Borchardt
Erschien am 23. April 2018
Gütersloher Verlagshaus
255 Seiten
20 Euro
 
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Klappentext:
Die digitale Welt verändert nicht nur Wirtschaft, Politik und Gesellschaft, sie schafft auch einen neuen Menschen. Ständig vernetzt scheint er der Mittelpunkt eines selbst gestalteten Universums zu sein. Tatsächlich aber werden wir manipulierbar, abgelenkt und getrieben. Wie verändern die neuen Technologien unsere Sicht auf die Welt? Können wir mehr mitbestimmen, oder werden wir zu nützlichen Idioten ökonomischer und politischer Interessen? Diesen Fragen geht Alexandra Borchardt in ihrem Buch nach und zeigt: Es ist nötig und auch möglich, die digitale Welt selbstbestimmt zu gestalten.

Zur Autorin:
Dr. Alexandra Borchardt studierte Politikwissenschaften und promovierte an der Tulane University in New Orleans. Nach Stationen als Chefin vom Dienst bei der Süddeutschen Zeitung, Journalistin bei der Deutschen Presse Agentur, der Financial Times Deutschland, Redakteurin beim SZ Wirtschaftsmagazin und Dozentin für Politikwissenschaften in den USA ist die Autorin und stellvertretende Vorsitzende des Ausschusses für Qualitätsjournalismus im digitalen Zeitalter beim Europarat nun Director of Strategic Development an der Universität Oxford und hat einen Lehrauftrag an der TU München.
 
Meinung:
Dieses Buch beleuchtet Chancen und Risiken der Digitalisierung ausgewogen, umfassend, mit kühlem Kopf, kenntnisreich und – mit das Beste –  in einer ausgesprochen angenehmen, sehr gut zu lesenden (und zu verstehenden) Sprache. Mechanismen der Digitalisierung werden leicht verständlich und immer mit passenden Beispielen erklärt, kommerzielle Interessen aufgezeigt. Dieses Buch regt eine Debatte an! Gut, dass die Autorin so viele Aspekte zusammengetragen hat.

Überraschend war für mich, wie weit die Möglichkeiten der digitalen Welt schon im Alltag angekommen sind und wie weit diese Möglichkeiten nachwirken. Um nur ein Beispiel aus dem Buch zu nennen: unregulierte Vermarktung von allem, was noch irgendwie Wert hat durch Privatpersonen über digitale Plattformen (S. 30ff). Ebay, Facebook-Marktplätze, Kleiderkreisel und Co sind zwischenzeitlich schon selbstverständlich geworden. Was zumindest ich bislang nicht mitgedacht hatte ist die in der Tat richtige Annahme, dass ein ganz bestimmter Gedanke in der Bevölkerung etabliert wird: alles kann zu Geld gemacht werden.
Die Autorin führt die Konsequenz sehr schön aus. Warum sollte ein Jugendlicher denn noch den Nachbarshund aus purer Freundlichkeit ausführen, die Familie die herausgewachsenen Shirts der Kinder aus reinem Pragmatismus verschenken, wenn für eben jene Dienstleistungen und Waren unkompliziert und unreguliert Geld verlangt werden kann? Das ist auf den ersten Blick nun gar nicht so schrecklich problematisch, doch die Autorin erinnert daran, warum es sich lohnt, darüber nachzudenken. Jede für einen selbst noch so wertlose Ware und Dienstleistung (z. B. Kleidung verleihen) bekommt in Gedanken ein Preisschild. Wer besitzt denn die meisten Waren und kann entsprechend viel verkaufen und verleihen? Die Vermögenden! Wer wenig hat muss nun für Dinge bezahlen, die er zuvor möglicherweise umsonst bekommen hätte. Auf diese Weise trägt die Digitalisierung zur Manifestation von Reichtum bei. Darüberhinaus macht es unfrei, wenn man Ware, die man nicht mehr braucht, nicht einfach weggeben kann, sondern immerzu überlegt, wie viel Geld einem gerade entgangen sein könnte.

Das Kapitel „Was ist los in unserem Kopf? – Dichtung und Wahrheit“ befasst sich (auch) mit dem Thema Sucht. Eigentlich sollte die neue Technologie helfen, frei zu leben, frei zu denken und zu handeln, doch sie behindert genau das. Die Autorin fasst zusammen, dass es nicht gelingen kann, dass der Konsument sich seine Freiheit im Zusammenhang mit Smartphones, Apps, Facebook und Co selber organisiert. Sie benennt die Möglichkeiten der Manipulation und auch, warum Firmen wenig bis kein Interesse daran haben können, die Manipulation zu unterlassen. Im gleichen Kapitel widmet sie sich der Funktion des Erinnerns und Vergessens. Das war für mich mit eines der spannendsten Etappen dieses Buches. Im Studium haben mich Theorien über gezieltes Erinnern und Vergessen und Erinnerungstheorien gut beschäftigt, hier gibt es einen ausgesprochen gut recherchierten und für uns alle enorm wichtigen Beitrag. Es geht um die Timelines bei Facebook, ADHS, die Internet-Nutzer-Gedächtnisfunktion und um Google (S.84ff) sowie die Resultate: u.a. Konzentrationsstörungen,  die abhandenkommende Fähigkeit Analogien zu bilden, Erschöpfungsdepressionen. Borchardt entwirft Thesen, belegt diese mittels Studien und führt auch gegenteilige Studien an, um dann ein Fazit zu ziehen. Eine dieser Studien bezieht sich auf die ständige Präsenz des Smartphones und dessen Aufforderungscharakter: Lernen braucht Ruhephasen, keine ständige Stimulation. Sehr klar wird aufgeführt, welche technischen Möglichkeiten die Unternehmen hätten und warum sie genau daran kein Interesse haben können.
Das Kapitel „Wirtschaft – die neue Klassengesellschaft“ zeigt, wie schnell etablierte Unternehmen durch eine neue digitale Errungenschaft komplett überholt werden. Hier seien nur die Beispiele Nokia und Kodak erwähnt (S. 133ff).

Zum Aufbau:
Unter dem Schutzumschlag verbirgt sich ein blaues Hardcover. Wie vom Gütersloher Verlagshaus gewohnt, gibt es wieder nummerierte große Kapitelüberschriften mit ausschließlich Großbuchstaben plus Unterkapitel. Im Text finden sich zahlreiche Fußnoten, die ab S. 249 absolut übersichtlich nach Kapitel gegliedert aufgeführt sind. Die Fußnoten stören nicht den Lesefluss.

Fazit:
Es dauerte wirklich lange, bis dieses Buch durchgelesen war, da beinahe nach jedem Unterkapitel so viel Gesprächs- und Diskussionsmaterial vorhanden ist, das erst einmal besprochen und/oder überdacht werden musste. Ich kann dieses Buch nur wärmstens empfehlen. Jedem – denn jeder der heute lebt, kommt in Kontakt mit Auswirkungen der Digitalisierung.

Hoch spannend und kurzweilig geschrieben!

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