Ein Thriller der keiner ist


Die Wahrheit

Melanie Raabe
Erschienen am 14.4.2018 als Taschenbuch bei
btb
464 Seiten
10 Euro

Klappentext:
Vor sieben Jahren ist der Geschäftsmann Philipp Petersen während einer Südamerikareise spurlos verschwunden. Seither zieht seine Frau Sarah den gemeinsamen Sohn alleine groß. Doch dann erhält Sarah wie aus heiterem Himmel die Nachricht, dass Philipp am Leben ist. Die Rückkehr des vermeintlichen Entführungsopfers löst ein gewaltiges Medieninteresse aus. Sarah hat zwiespältige Gefühle. Sie hat eine harte Zeit hinter sich. Gerade war sie dabei, sich von der Vergangenheit zu lösen. Was wird werden? Gibt es eine gemeinsame Zukunft? Sie ist auf alles vorbereitet, nur auf das eine nicht: Der Mann, der aus dem Flugzeug steigt, ist nicht der, als der er sich ausgibt. Es ist nicht ihr Ehemann. Es ist ein Fremder – und er droht Sarah: Wenn sie ihn jetzt bloßstelle, werde sie alles verlieren: ihren Mann, ihr Kind, ihr ganzes scheinbar so perfektes Leben …


Meinung:
Nun stellt sich als erstes die Frage, warum hier plötzlich ein Thriller besprochen wird, wo ich doch ausdrücklich sage, dass dieses Genre nun so gar nicht nach meinem Geschmack ist. Nun ja, Seetage bei Kreuzfahrten sind wenig aufregend, da kann man schon mal zu einem Thriller greifen. Zumal dieser hier bei btb erschienen ist und ich bislang von diesem Verlag noch nie enttäuscht wurde. Und es gab nichts in der Schiffsbibliothek, das ich lieber gelesen hätte.
Dass es sich dann doch nicht um einen Thriller, sondern viel mehr um eine ganz und gar unromantische Liebesgeschichte handelte, war dann einfach nur Glück (zumindest für mich – weniger für Thriller Fans).

Nun aber zum Inhalt:
Es geht in medias res: Sarah hat sich ganz gut eingerichtet in ihrem Leben als alleinerziehende Mutter eines achtjährigen Sohnes. Tagsüber arbeitet sie als Lehrerin, geht joggen, wohnt in der teuren Villa, die ihr Mann und sie von der Schwiegermutter Constanze noch zu Lebzeiten vermacht bekamen. Die Inneneinrichtung ist cremefarben und kein bisschen nach dem Geschmack der Lehrerin, man hat sich aber nicht getrau, irgendwas zu verändern. Der vermögende Ehemann ist bei einer Geschäftsreise nach Kolumbien entführt worden.

Er lies sich in all den gemeinsamen Jahren nie fotografieren. Obwohl er Geschäftsführer war, geht sie davon aus, dass seine Mitarbeiter ihn nicht wiedererkennen würden vom Aussehen her, da er sehr darauf bedacht gewesen wäre, sich im Hintergrund zu halten. Freunde hatten sie nicht, alle Nachbarn, die den Mann kannten, sind zwischenzeitlich verstorben oder verzogen. Sarah selber hat auch nur eine Freundin, die sie aber nach dem Verschwinden ihres Mannes kennengelernt hat. Nach sieben Jahren lädt sie zum ersten Mal drei Arbeitskollegen zu sich nach Hause ein. In der ganzen Zeit, die Philipp weg war, hatte sie nie Besuch.

Es gibt immer wieder Rückblenden, die erzählen, was sie mit Philipp erlebt hat, als dieser noch bei ihr war. Es gab da einen bestimmten Punkt, an dem sie sich massiv gestritten hatten. In deren Folge konnte ein Unfall nicht verhindert werden. Der Umgang damit war verheerend. Und dann ist da dieser Sommernachmittag, Ferien, Zoobesuch, obwohl man Zoo und eingesperrte Tiere nicht mag. Ein Anruf von einem Mitarbeiter des Auswärtigen Amtes erreicht Sarah, ihr Mann wurde gefunden. Nein, er will keinen Kontakt vorab per Skyp. Er möchte auch nur von ihr am Flughafen empfangen werden, sie soll den Sohn bittenicht mitbringen, den er nun seit 7 Jahren nicht gesehen hat. 

Kurzweilig und flott geschrieben, ein schönes Tempo und reichlich Absätze machen dieses Buch zu einer netten Urlaubslektüre.





Spoiler:
Er kommt an, sie erkennt ihn nicht als ihren Mann, lässt sich mit Worten nicht überzeugen. Sie will das markante Muttermal auf seinem Bauch sehen, damit sie weiß, dass es Philipp ist. Er zeigt es ihr nicht. Später erfährt die Leserin dann, dass er es nicht für möglich hielt, dass sie ihn WIRKLICH nicht erkannt habe. Ach was! Sie dreht völlig durch, ruft das Auswärtige Amt an, bestellt eine Mitarbeiterin ins Haus – und er hat es nicht so richtig gemerkt? Ja, klar!
Ziemlich gute Schreibe lässt den Eindruck entstehen, es ist nicht Philipp. Der Leser denkt, es wurde ein Fremder geschickt, der sich als Philipp ausgibt. Am Ende gelingt es ihr, sein zerfetztes (Stichwort: Sie dreht völlig durch, weil sie glaubt, ein fremder lebt in ihrem Haus) Hemd hochzuziehen – da ist also das Muttermal. Der, der die ganze Zeit mit  „der Fremde“ überschriebene Einwürfe schreibt, ist die ganze Zeit kein bisschen fremd, sondern Philipp höchst persönlich, der sich in seiner 7-Jährigen Gefangenschaft, über die übrigens keine Wort verloren wird, die ganze Zeit eingeredet hat, dass Sarah, seine Frau, ihn aus dem Weg schaffen wollte, die Entführung in die Wege geleitet haben könnte. Sie, oder der einzige (väterliche) Freund oder natürlich der einzige Mitarbeiter, der auch mit auf der Reise war. Dieser, ein ausgesprochen ehrgeiziger Zeitgenosse, habe sich kurz vor Abfahrt aus dem Hotel so krank gefühlt, dass er nicht ins Auto steigen konnte. Das Auto, aus dem heraus Philipp entführt wurde. Um es abzukürzen. Keiner der drei wollte ihn aus dem Weg räumen – es war nur ein dummer Zufall, das Philipp entführt wurde. Das hat Ermittler Grimm herausgefunden, der die ganze Zeit über für die Leser als Hintermann eines Verbrechens aufgebaut wurde.
Spoiler Ende




Fazit:
Die Autorin legt hier ein kurzweilig und flott geschriebene Geschichte mit ein paar Ungereimtheiten und einigem Tohuwabohu vor. Ich glaube, die Zuordnung zum Genre Thriller vergrault die Leserinnen, die Spaß an dem Buch hätten. Man hätte dann auch offen kommunizieren können, dass – was jetzt kommt fiele in die Rubrik Spoiler.

Empfehlenswert für wen?
-       Romanfans!
-       Freunde von unromantischen, dramatischen Liebesgeschichten (die sollten sich dann aber vorher den Spoiler durchlesen, dann macht das Buch beim Lesen mehr Spaß).
-        Leute, die kurzweilige Unterhaltung suchen, die nicht anspruchsvoll sein muss.

     Nicht empfehlenswert für?
-       Thriller-Fans

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