sehr gelungener Debüt-Roman


Wir müssen reden

Sybille Luihtlen
Erschienen im März 2018 bei
Deutsche Verlags-Anstalt
256 Seiten
20 Euro


Klappentext:
Über die Angst vor dem Scheitern - und das Wagnis, neue Wege zu gehen

Feline, die Alleskönnerin, die immer lächelnd ihr Leben fest im Griff hat. Aber genügt sie wirklich – als Lehrerin, als Mutter, als Frau? Tatsächlich hält Feline, die noch keine dreißig ist, nur mit Mühe die schöne Fassade aufrecht. Bis eines Abends ihr Mann gesteht, dass er sich in eine andere verliebt hat. Sie flüchtet für ein paar Sommerwochen in die schwäbische Provinz. Dort lernt sie Silver kennen, einen Mann, der sich frei gemacht hat von den Erwartungen an ihn. Langsam beginnt Feline ihre eigenen Träume zu leben …

Mit eindringlicher Lakonie erzählt Sibylle Luithlen von einer sensiblen jungen Frau, die fremd im eigenen Leben ist. Ein feinnerviger Roman über die Zerrissenheit einer Generation, die sich mit den eigenen Ansprüchen überfordert.

Meinung:
Dieses Romandebüt erzählt von einer jungen Frau in der Krise, die in der schwäbischen Provinz nach sich selber sucht. Es liegt hier kein „Beziehungsende-Roman“ vor, wie man zuerst vermuten könnte, sondern ein ganz fein gewebter Text über das, was Menschen zu dem macht, was sie sind, was Bindung verhindert und welche Rolle das Umfeld dabei spielt. Literarisch sehr schön gemacht ist, dass die Leserin stets mehr weiß, als die Protagonistin selbst, auch über die Protagonistin an sich. Diese macht sämtliche Herausforderungen mittels eines inneren Monologs mit sich selbst aus. Sie erkennt nicht, dass sie sehr isoliert lebt, nicht in Netzwerke investiert und ihre Lage gar nicht so extrem von der anderer Elternteile abweicht. Ganz an Anfang des Romans erfährt sie auf dem Weg zum Kindergartenfest von der Trennung eines anderen Elternpaares. Sie lässt sich regelrecht hineinfallen in den Schmerz, den sie dem Kind dieses Paares unterstellt. Sowohl ihre Tochter als auch alle anderen gehen mit der Information sachlich-nüchtern um, bieten sich als Gegenpol an und zeigen zum ersten Mal in diesem Roman, wie sehr Feline sich von den anderen Figuren unterscheidet, wie alleine sie ist, wie anders ihre Denke ist. Hier zeigt sich zum ersten Mal ganz intensiv, wie sehr sie von ihrer eigenen Geschichte geprägt ist. Feline leistet regelrechte Trauerarbeit. Scheidungskind zu sein heißt für die junge Mutter nur eines: ein nicht enden wollender Kreislauf aus Situationen des Scheiterns. Darum muss sie reden. Für ihr Kind, gegen die vermeintliche Realität. Dieses Redet bietet gleichzeitig die Kontrastfolie zum schweigenden Liebhaber, der ihr so gut tut. Diesen Liebhaber findet Feline nicht in Köln, wo die Geschichte spielt und damit auf die Aktualität, auf urbane Lebensverhältnisse verweist. Man könnte hier eine Verbindung ziehen zu Döblins Alexanderplatz. Auch hier findet die Hauptfigur ins Erzählen über städtische Realität und Realität, die durch die Urbanität erst Realität wurde. Stadt ist in beiden Romanen vielmehr als Handlungsort, die Stadt ist Vorlage für Erwartungen (hier: beide sind berufstätig, Kinderbetreuungseinrichtungen, kleine Wohnung, Netzwerk Familie ist nicht vor Ort) und Assoziationen. Als Sehnsuchtsort bietet die Autorin ganz im Stile der Romantik (hier sei auf die Hörbuchbesprechung von Safransiks Werk verwiesen) die Provinz an. Besonders augenscheinlich wird dies, wenn Feline und Silver wie Tristan und Isolde am Wasserfall sind. Es geht hier auch um Verpflichtung und Selbstbestimmung.

Der Inhalt dieses Romans findet sich auf zwei Ebenen – Inhaltlich und Sprachlich.
Die Sprache greift gekonnt auf, was die Protagonistin erlebt, fühlt und mit sich selber ausmacht. Patchwork ist das Signalwort. Es geht um work, um Arbeit und Anstrengung, die auf der sprachlichen Ebene Einzug in die Geschichte hält. Patchwork macht Feline Angst. Ein Gefüge aus kleinen Teilen, die nicht zusammen passen und im Idealfall doch eine Einheit ergibt, könnte man denken. Oder man denkt an zusammengeflickte Familienstrukturen, an ein Zusammenfügen, was nicht zusammen gehört und doch passen muss. Möglicherweise geht es auch um eine große (Patchwork)Decke, die über die ganzen Probleme und Gedanken geworfen werden kann, damit diese nicht mehr sichtbar sind und nicht mehr gedacht werden müssen. Nicht mehr gedacht werden dann nicht mehr nur die eigenen Gedanken, sondern auch die der vorherigen Generation, die so präsent auf das Jetzt Einfluss nehmen auf die junge Mutter und ihre Vorstellungen von Familie und Leben.


Fazit:
Dichte Beschreibung von Realität, allegorische Momente; erschütternde Eigenwahrnehmungen, die im Zwiegespräch mit Innenschau und Außenwahrnehmung erzählt werden; Ansätze trockenen Humors und eine starke, authentische Protagonistin machen diesen Roman zu einem echten Vergnügen für Freunde leiser Literatur. Unbedingt empfehlenswert!







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